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Neurojackpot

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Häufige Fragen

Fragen zu neuroplastischen Schmerzen & Symptomen

Was sind neuroplastische Schmerzen & Symptome, psychophysiologische Störungen (PPS) oder das Mind Body Syndrome (MBS)?

Diese Begriffe sind im Grunde gleichbedeutend und beschreiben Schmerzen & Symptome, welche durch psychophysiologische Prozesse im Hirn verursacht und verstärkt werden und nicht auf eine somatische Erkrankung beziehungsweise strukturelle oder organische Schäden im Körper zurückzuführen sind1. Das Hirn interpretiert harmlose, neutrale Signale des Körpers als gefährlich und erzeugt infolgedessen Schmerzen oder andere Symptome. Der Faktor, der die Entstehung, Verstärkung und Aufrechterhaltung der Schmerzen & Symptome bewirkt, ist die Angst2-5.

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Wie entstehen neuroplastische Schmerzen & Symptome?

Die Entstehung von neuroplastischen Schmerzen & Symptomen ist komplex. Zum einen spielen erlernte Denk- und Verhaltensmuster eine Rolle, zum anderen werden sie durch unbewusste, emotionale Faktoren verursacht2. Der gemeinsame Nenner ist jeweils die Angst3-5. Angst wird dabei als eine Art Überbegriff verwendet und umfasst sämtliche Gefühle und Emotionen, die unser Hirn in einen Zustand erhöhter Alarmbereitschaft versetzen: Stress, Anspannung, Verzweiflung, Frustration, Sorge, Wut, …

Unser Hirn ist ständig damit beschäftigt, uns zu schützen und dafür zu sorgen, dass wir uns an unsere Umwelt anpassen, um zu überleben. Unterbewusste Bereiche des Hirns steuern dafür unsere Körperfunktionen. Unsere Reaktionen auf unsere Umwelt hängen von der Programmierung unseres Hirns ab, die eine Kombination aus dem ist, was uns angeboren ist, und dem, was uns unsere Erfahrungen im Laufe der Zeit beigebracht haben. Erlernte Reaktionen auf Situationen, die wir als potenziell gefährlich empfinden, werden also in unserem Hirn programmiert und gespeichert.6

Schmerz und andere Symptome sind Warnsignale des Hirns. Sie entstehen dann, wenn sich das Hirn in Gefahr wähnt und meint, es müsse uns warnen, um uns zu einer Verhaltensanpassung zu motivieren und unser Überleben zu sichern7. Die vermeintlichen Gefahren können emotionaler oder physischer Natur sein. Es sind 44 beteiligte Hirnareale bekannt, welche entscheiden, ob es sich um eine Gefahr handelt oder nicht und ob und wie gewarnt wird8. Dies sind unter anderem Hirnareale, welche verantwortlich sind für unsere Gedanken, Emotionen und Aufmerksamkeitsprozesse2, 6, 9, 10. Je öfter das Hirn zum Schluss kommt, dass wir uns in Gefahr befinden und gewarnt werden muss, desto öfter werden die damit in Verbindung stehenden neuronalen Pfade aktiviert. Und je öfter diese aktiviert werden, desto stärker werden sie und die Wahrscheinlichkeit einer Aktivierung dieser Gefahrensignale steigt11. Das Hirn lernt, Schmerzen und andere Symptome zu erzeugen: Es entstehen neuroplastische Schmerzen.

Unbewusste emotionale Faktoren als Ursache
Jeder Reiz, jede Situation oder Emotion, welche die Gefahrenschaltkreise in unserem Hirn aktivieren kann, ist in der Lage, Schmerzen und andere Symptome zu erzeugen und aufrechtzuerhalten6. Stressige Lebensumstände, grosse Veränderungen im Leben (auch positive), Traumata, schwierige Kindheitserfahrungen und eine Anhäufung von unterdrückten, nicht verarbeiteten Gefühlen können daher die Ursache oder verstärkende Faktoren von neuroplastischen Schmerzen & Symptomen sein2, 6. Studien zeigen, dass Menschen, bei denen eine Angststörung oder Depression diagnostiziert wurde, die ein Trauma erlitten oder eine schwierige Kindheit erlebt haben, signifikant häufiger an chronischen Schmerzen & Symptomen leiden12-14. Menschen mit neuroplastischen Schmerzen & Symptomen weisen zudem häufig Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus, übertriebene Gewissenhaftigkeit, Selbstkritik, People Pleasing und Ängstlichkeit auf2, 6. Aufgrund dieser Persönlichkeitsmerkmale neigen sie dazu, sich ständig Sorgen zu machen, sich selbst stark unter Druck zu setzen sowie anderen alles recht machen zu wollen, ohne sich selbst genügend Sorge zu tragen. Diese Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen führen dazu, dass das Hirn in einen Zustand erhöhter Alarmbereitschaft versetzt wird und sich emotional in Gefahr wähnt15. Wenn sich das Hirn in emotionaler Gefahr wähnt, kann es körperliche Schmerzen & Symptome auslösen und aufrechterhalten2, 5, 6.

Erlernte Denk- und Verhaltensmuster als Ursache
Neuroplastische Schmerzen & Symptome können auch mit einer strukturellen Verletzung oder einer Erkrankung beginnen. Die meisten körperlichen Verletzungen heilen innerhalb weniger Wochen bis Monate, aber auch nach der Heilung einer Verletzung behält das Hirn die mit dem Schmerz verbundenen neuronalen Pfade bei. Diese neuronalen Pfade können dann durch Angst und andere Emotionen oder erlernte Verhaltensweisen aktiviert und verstärkt werden, was dazu führt, dass der Schmerz noch lange nach der Heilung einer Verletzung bestehen bleibt.16

Der Schmerz-Angst Kreislauf lässt neuroplastische Schmerzen bestehen
Häufig geraten Menschen mit anhaltenden Schmerzen & Symptomen auch in den sogenannten Schmerz-Angst Kreislauf2, 6. Intuitiv neigen wir zur Interpretation, dass bei Schmerzen mit dem Körper oder der Psyche etwas nicht in Ordnung ist. Zudem können anhaltende Schmerzen & Symptome sämtliche Lebensbereiche negativ beeinflussen. Viele Menschen reagieren auf Schmerzen und andere Symptome deshalb mit Sorgen, Ängsten und verwandten Gefühlen wie Frustration, Wut und Verzweiflung. Diese Reaktion ist verständlich und kann als “normale” Reaktion auf eine “abnormale” Situation (permanente Schmerzen & Symptome) gesehen werden. Allerdings vermitteln diese Gefühle dem Hirn Gefahr, was wiederum das Warnsignal Schmerz erneut oder verstärkt aktivieren kann5, 6, 17. Es entsteht der Schmerz-Angst Kreislauf2, 6.

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Welche Krankheitsbilder und Symptome können neuroplastisch sein?

Viele Erkrankungen und Symptome weisen häufig psychophysiologische Komponenten auf oder sind gänzlich neuroplastischen Ursprungs, darunter typischerweise die folgenden (nicht abschliessend)1, 2:

  • Rückenschmerzen
  • Nackenschmerzen
  • (Spannungs-)Kopfschmerzen
  • Migräne
  • Unterleibs- und Beckenschmerzen
  • Fibromyalgie
  • Reizdarmsyndrom
  • Chronisches Fatigue Syndrom, CFS/ME (auch Long Covid Symptome)
  • Komplexes regionales Schmerzsyndrom, CRPS
  • Myofasziales Schmerzsyndrom
  • Muskelverspannungen
  • Schleudertrauma
  • Schwindel
  • Übelkeit
  • Tinnitus

Es ist immer wichtig, die notwendigen medizinischen Abklärungen zu treffen, um strukturelle Schäden und Krankheiten auszuschliessen. Sobald akute strukturelle Verletzungen oder Krankheiten - welche eine sofortige medizinische Intervention erfordern - ausgeschlossen sind, lohnt es sich, das Vorliegen neuroplastischer Schmerzen & Symptomen als mögliche Erklärung in Erwägung zu ziehen. In einem Blogartikel haben wir die 12 aus der Forschung resultierenden und von Mind Body Praktizierenden bereits erfolgreich angewendeten Kriterien, die auf einen neuroplastischen Ursprung von Schmerzen & Symptomen hindeuten, näher beschrieben.

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Wie können neuroplastische Schmerzen & Symptome erkannt werden?

Es gibt einige Merkmale, die typisch sind und anhand derer die Wahrscheinlichkeit für neuroplastische Schmerzen & Symptome geprüft werden können. Diese Symptommerkmale können in drei Gruppen eingeteilt werden: funktional, inkonsistent und getriggert.2, 18

Funktional bedeutet, dass die funktionelle Art der Symptome nicht mit strukturellen Anomalien übereinstimmt. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Schmerzen oder Symptome entweder ganz ohne Verletzung oder Krankheit aufgetreten sind oder wenn zwar strukturelle Anomalien vorhanden sind, die Schmerzen & Symptome aber nicht eindeutig dazu passen.

Inkonsistent bedeutet, dass sich die Symptome auf eine Weise äussern, wie es bei einer strukturellen Verletzung oder Erkrankung nicht der Fall wäre. Wenn Schmerzen & Symptome beispielsweise je nach Tageszeit, Ort oder Aktivität in erkennbaren Mustern in ihrer Intensität variieren, im Körper umherwandern oder nur an bestimmten Wochentagen auftreten, spricht das sehr für neuroplastische Schmerzen & Symptome.

Getriggert bedeutet, dass die Symptome durch Reize ausgelöst werden, die das Hirn aktivieren, aber das Symptom nicht physisch verursachen würden. Häufig werden Schmerzen & Symptome mit einem neutralen Auslöser wie verschiedene Aktivitäten (Stehen, Gehen, sich Bücken, …), Positionen (Sitzen, Liegen, …), dem Wetter, Gerüchen, Geräuschen, der Umgebung (z. B. dem Arbeitsplatz) oder der Tageszeit in Verbindung gebracht. Diese Auslöser sind eine konditionierte Reaktion. Konditionierte Reaktionen sind eine wichtige evolutionsbiologische Eigenschaft, die das Hirn entwickelt hat, um Assoziationen zwischen einer bestimmten Situation/Verhaltensweise und negativen Folgen herzustellen, um sich so zu schützen. Dieser Mechanismus kann aber auch überempfindlich werden und auf ungefährliche, neutrale Auslöser mit Schmerzen & Symptomen reagieren. Erfahre in Folge 6 und Folge 7 vom Podcast ‘Muss das so wehtun?’ mehr zu konditionierten Reaktionen & wie man sie wieder abtrainieren kann.

12 Merkmale, die für neuroplastische Schmerzen & Symptome typisch sind, werden im Blog näher erläutert.

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Wie können neuroplastische Schmerzen & Symptome behandelt und geheilt werden?

Neuroplastische Schmerzen & Symptome entstehen, wenn das Hirn meint, dass wir in Gefahr sind und deshalb mit Schmerz oder anderen Alarmsignalen warnt. Wenn diese Reaktion häufig vorkommt, bilden sich neuronale Pfade, das heisst, die Wahrscheinlichkeit, dass diese Alarmsignale aktiviert werden, steigt, je öfter die Pfade aktiviert werden11. Man spricht von gelernten Schmerzen & Symptomen. Um sie wieder zu verlernen - also zu heilen - ist es notwendig, dem Hirn beizubringen, dass wir nicht in Gefahr sind. So dass es auf neutrale, harmlose Signale aus dem Körper wieder angemessen reagieren kann.

Es gibt zwei Möglichkeiten, dies zu erreichen - PRT beinhaltet beide:

  • Die eine Möglichkeit geht über die Kognition. Man macht sich bewusst, dass keine Gefahr droht und es für das Hirn keinen Grund gibt, die Warnsignale auszusenden. Hier spielt Aufklärung eine grosse Rolle, aber auch verschiedene Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie können eingesetzt werden.

  • Die andere Möglichkeit geht über die “Körpersprache”. Durch verschiedene Meditationen, Visualisierungen und Somatic Tracking zeigt man dem Hirn auf emotionaler Ebene, dass man sich in Sicherheit befindet.

Pain Reprocessing Therapy setzt sich aus verschiedenen Techniken zusammen, welche unterschiedliche Hirnareale adressieren und neue neuronale Pfade bilden, um die Schmerzen & Symptome wieder zu verlernen.

Hier findest du einen Vorschlag, wie du beginnen kannst.

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Gibt es auch "nicht-Schmerz"-Gefahrensignale und wie behandelt man diese?

Nebst Schmerzen gibt es weitere Gefahrensignale wie z.B. Angst, Depression, Müdigkeit, Übelkeit, Schwindel usw. Alle Gefahrensignale sind grundsätzlich ein Versuch des Hirns, unser Überleben zu sichern. Wenn man sich zum Beispiel den Knöchel verstaucht, spürt man Schmerzen. So unangenehm dieses Gefühl auch ist, das Hirn will damit warnen: “Es besteht die Gefahr, dass Gewebe geschädigt wird und Ruhe ist notwendig, bis die Verletzung geheilt ist.”

Angst ist ein weiteres Gefahrensignal. Dieses Signal hat sich im Laufe der Evolution als sehr nützlich erwiesen. Man stelle sich unsere Vorfahren vor 40’000 Jahren beim Sammeln von Beeren vor: Plötzlich springt ein Bär aus dem Unterholz! Die Angst und die körperliche Reaktion darauf (z.B. Ausschüttung von Adrenalin) ermöglicht es, schneller zu rennen oder härter zu kämpfen.

Der Mensch hat weitere Gefahrensignale entwickelt: Müdigkeit zeigt uns an, dass wir uns ausruhen und erholen müssen. Hunger zeigt uns an, dass wir essen müssen. Übelkeit zeigt uns an, dass wir vielleicht gerade etwas Giftiges zu uns genommen haben. Die Frage ist, weshalb diese Gefahrensignale aktiviert werden, obwohl wir uns nicht wirklich in Gefahr befinden.

Im Hirn gibt es eine Überlappung der Systeme, welche die Bedrohungen bewerten6, 19. Empfinden wir Angst, können auch die anderen Gefahrensignale aktiviert werden, unabhängig davon, ob tatsächlich Gefahr besteht oder nicht. Deshalb kann man unverletzt Schmerzen empfinden, ohne Bär Angst haben oder trotz ausreichend Schlaf müde sein.

Auch wenn sich die Gefahrensignale (Symptome) unterscheiden, werden sie alle auf dieselbe Art und Weise wie neuroplastische Schmerzen behandelt. Es gibt Schmerzen, Angst, Müdigkeit, Depressionen, Übelkeit, Taubheitsgefühl, Kribbeln, Brennen, Juckreiz, Schwäche, usw. All diese Symptome sind unangenehme Empfindungen, die unser Hirn als Reaktion auf eine vermeintliche Gefahr erzeugt. Sobald ein Symptom vorhanden ist, wird dieses selbst wiederum als gefährlich interpretiert. Das Ziel einer Behandlung ist immer dasselbe: Dem Hirn beizubringen, dass diese Empfindung harmlos und ungefährlich ist. Dazu kann Pain Reprocessing Therapy (PRT) angewendet werden, denn egal, ob es sich um neuroplastische Schmerzen oder ein anderes Gefahrensignal handelt, die Formel ist dieselbe: Das Hirn denkt, die Empfindung sei eine Gefahr, also lehre dem Hirn, dass die Empfindung harmlos ist und wir in Sicherheit sind.

Da alle Gefahrensignale im Hirn miteinander verbunden sind, ist es wahrscheinlich, dass das Hirn sämtliche Empfindungen lernt richtig zu interpretieren, wenn man mit PRT ein einzelnes Symptom adressiert. Mit anderen Worten: Wird Somatic Tracking bei Angst oder Müdigkeit eingesetzt, wird gleichzeitig auch der neuroplastische Schmerz abtrainiert und umgekehrt.4

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Wie kann ich beginnen, neuroplastische Schmerzen & Symptome zu heilen?

Hier findest du einen Vorschlag, wie du beginnen kannst.

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Wie lange dauert es, neuroplastische Schmerzen & Symptome zu heilen

Auf diese Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort. Die Dauer der Behandlung von neuroplastischen Schmerzen & Symptomen ist von Person zu Person unterschiedlich. Sie hängt davon ab, wann das Hirn zu erkennen beginnt, dass es die auftretenden Schmerzen & Symptome nicht zu fürchten braucht. Ein weiterer Faktor ist, wie lange es dauert, bis sich das Hirn nicht mehr ständig in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft befindet. Ein erster wichtiger Schritt ist die Entwicklung einer Offenheit, sich auf PRT einzulassen und dem Prozess zu vertrauen.

Die Art wie das Hirn Schmerz erzeugt und reguliert ist individuell und einzigartig. Und sie kann sich mit der Zeit verändern. Das Hirn lernt durch Erfahrung, Gefühle, Gedanken und Ängste über die Zeit, wie es auf verschiedenen Stress reagieren soll. Jeder Mensch ist verschieden und so ist auch der Prozess individuell. Es gibt einige wenige Menschen, die sich fast sofort erholen, nachdem sie ein umfassendes Mind Body Verständnis entwickelt haben, aber das ist die Ausnahme. Die meisten Menschen erleben eine sanftere Genesung, die Wochen, Monate oder sogar länger dauern kann. Der Prozess verläuft selten gradlinig und auf dem Weg gibt es immer auch Höhen und Tiefen.

Schau dir dazu gerne auch die nächste Frage an: “Reicht Pain Reprocessing Therapy, um neuroplastische Schmerzen & Symptome zu heilen?”

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Reicht Pain Reprocessing Therapy, um neuroplastische Schmerzen & Symptome zu heilen?

Pain Reprocessing Therapie (PRT) ist ein praxiserprobtes Therapiekonzept basierend auf den neusten Erkenntnissen der Wissenschaft, dessen Wirksamkeit wissenschaftlich untersucht und bestätigt wurde20, 21. Dennoch ist es wichtig, systemisch zu denken und sich bewusst zu sein, dass es die menschliche Tendenz gibt, komplexe Situationen zu vereinfachen. Bei neuroplastischen Schmerzen & Symptomen handelt es sich um ein multifaktorielles Ursachenspektrum und jede:r Betroffene weist eine einzigartige Krankengeschichte auf, welche durch das Zusammenspiel von Symptomen, belastenden Lebensereignissen, der aktuellen Lebenssituation und den Umgang mit den Symptomen gekennzeichnet ist2. Für einen Teil der Menschen reichen die Aufklärung über die Mind Body Verbindung und Techniken der kognitive Verhaltenstherapie aus für die Heilung. Für einige Menschen sind jedoch auch emotionsfokussierte Interventionen notwendig die dabei helfen, unterdrückte, nicht verarbeitete Emotionen wahrnehmen und zulassen zu lernen.2

Mit PRT werden edukative und kognitiv-behaviorale Techniken erlernt, zudem sind auch emotionsfokussierte Übungen Teil dieses Behandlungsansatzes. Mit PRT werden stets verschiedene Hirnareale adressiert, womit der Tatsache gerecht wird, dass 44 Hirnareale an der Entstehung und Aufrechterhaltung von neuroplastischen Schmerzen & Symptomen beteiligt sind8. Je nach Ausprägung, Entstehung und individueller Konstitution können auch andere oder zusätzliche Vorgehensweisen der emotionsfokussierten Psychotherapie (z.B. Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) oder Emotional Awareness and Expression Therapy) hilfreich sein. Diese fokussieren noch stärker als PRT auf die Auflösung unbewusst emotionaler Faktoren, welche zur Entstehung von neuroplastischen Schmerzen & Symptomen beitragen können.2 Auch die von Nicole Sachs (LCSW) entwickelte Technik “JournalSpeak” kann eine wertvolle Ergänzung zu PRT sein. Des weiteren können für einige Menschen traumasensitive Therapieformen unterstützend wirken (z.B. Somatic Experiencing und spezifische Formen des Breathwork). Auch die IFS-Methode und viele weitere stellen eine mögliche Ergänzung dar.

Der Weg entsteht, indem man ihn geht.
PRT ist klar verständlich und eine umfassende Möglichkeit, um zu beginnen. Entlang des Weges zeigt sich, welche Komponenten zu welchem Zeitpunkt erhöhte Aufmerksamkeit benötigen und meist ist es ein Ausprobieren und Herausfinden, was für jemanden persönlich am besten funktioniert und die erwünschten Erfolge bringt. Je intensiver man sich mit der Mind Body Connection auseinandersetzt, desto klarer werden die nächsten Schritte. Eine wohlwollende, mitfühlende und geduldige Haltung sich selbst gegenüber ist auch hier von grosser Wichtigkeit.

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Weshalb spielen das Wissen und ein korrektes Schmerzverständnis eine wichtige Rolle?

Wenn es zu anhaltenden Schmerzen & Symptomen kommt, reagieren Betroffene üblicherweise mit Angst, Frustration und Verzweiflung, da davon ausgegangen wird, dass mit dem eigenen Körper oder der Psyche etwas nicht in Ordnung ist und die Schmerzen & Symptome beginnen, sämtliche Lebensbereiche negativ zu beeinflussen. Genau diese Reaktion, welche im Grunde vollkommen verständlich ist, führt dazu, dass die Schmerzen & Symptome bestehen bleiben oder sich sogar verstärken, weil dem Hirn damit vermittelt wird, dass wir in Gefahr sind2, 6. Es entsteht der Schmerz-Angst Kreislauf.

Ein korrektes Schmerzverständnis und das Wissen, dass den neuroplastischen Schmerzen keine strukturelle oder organische Ursache zugrunde liegt, helfen massgeblich dabei, den Teufelskreis aus Schmerz und Angst zu durchbrechen. Dadurch verliert der Schmerz seinen Antrieb. Es ist erwiesen, dass bereits die Aufklärung über neuroplastische Schmerzen & Symptome eine erfolgreiche Therapiemöglichkeit darstellt22.

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Weshalb wirken Schmerzmedikamente, wenn neuroplastische Schmerzen doch gelernt sind?

Schmerz ist ein biopsychosoziales Phänomen. Er entsteht immer im Hirn und nie dort, wo wir ihn fühlen, unabhängig davon, ob er aufgrund einer strukturellen Verletzung besteht oder neuroplastischen Ursprungs ist. Auch Schmerzen & Symptome, die aufgrund eines strukturellen oder organischen Problems entstehen, werden vom Hirn erzeugt. Rund 44 Hirnareale sind bei der Entstehung von Schmerz beteiligt und unterschiedliche Medikamente wirken auf unterschiedliche Areale im Hirn8. Dass Schmerzmittel und andere Medikamente wirken, ist in keiner Hinsicht ein Hinweis, dass der Schmerz und die Symptome nicht neuroplastisch sind.

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Wenn Schmerz im Hirn entsteht, heisst das, ich bilde ihn mir nur ein?

Nein! Auch wenn neuroplastische Schmerzen mit psychologischen Ansätzen behandelt werden können, bedeutet dies nicht, dass solche Schmerzen eingebildet oder weniger real sind. Lernprozesse mit messbaren physiologischen Veränderungen im Hirn führen zu Schmerzempfindungen, welche nicht unterscheidbar sind von Schmerzempfindungen aufgrund von strukturellen oder organischen Schäden15, 23. Auch Schmerzen, die aufgrund einer Verletzung auftreten, entstehen im Hirn11. Es gibt keine Klassifizierung von “echten” Schmerzen versus “neuroplastischen Schmerzen”. Vielmehr gibt es akute Schmerzen (die auch im Hirn entstehen) aufgrund einer Verletzung und neuroplastische Schmerzen, die vom Hirn gelernt und nicht in Zusammenhang mit einer Verletzung oder Erkrankung stehen.

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Fragen zum Behandlungsansatz

Muss ich mich mit meiner Vergangenheit und speziell mit meiner Kindheit befassen, um von neuroplastischen Schmerzen & Symptomen zu heilen?

Auf diese Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort. Bei neuroplastischen Schmerzen & Symptomen handelt es sich um reale, strukturelle Veränderungen im Hirn, die dank der Plastizität des Hirns (Neuroplastizität) auch wieder verändert werden können. Alan Gordon sagt im Podcast “Tell Me About Your Pain”, dass der “Weg hinein” (englisch “the way in”) zu kennen gar nicht unbedingt so wichtig ist, denn der “Weg raus” (englisch “the way out”) ist immer derselbe. Grundsätzlich können neuroplastische Schmerzen nämlich wieder verlernt werden, in dem man dem Hirn beibringt, neutrale, harmlose Signale aus dem Körper angemessen zu interpretieren. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man das tun kann: Die eine ist kognitiv, indem man sich bewusst macht, dass man sich nicht in Gefahr befindet und es für das Hirn keinen Grund gibt, das Warnsignal Schmerz zu erzeugen. Die andere Möglichkeit ist, über die “Körpersprache” zu gehen und dem Hirn und Nervensystem auf emotionaler Ebene zu zeigen, dass man sich in Sicherheit befindet (Meditation, Somatic Tracking, sich auf positive Empfindungen einlassen).

Ein Bestandteil von PRT ist, die persönliche “Alarmstufe” zu senken, welche aufgrund verschiedener Persönlichkeitsmerkmale und daraus resultierenden Verhaltensweisen oft sehr hoch ist. Für gewisse Menschen reicht es, sich dieser Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensweisen bewusst zu werden und ihnen mittels verschiedener Techniken zu begegnen und sie zu verändern. Andere Menschen finden es hilfreich, zu verstehen, weshalb sie diese Merkmale und Verhaltensweisen entwickelt haben. Dazu kann es notwendig sein, sich mit seiner Kindheit zu befassen. In der Kindheit entwickeln wir nämlich viele Verhaltensweisen als Strategien um in unserem Umfeld zurechtzukommen. Diese Strategien prägen sich zum Teil tief in unser Nervensystem ein. Einige dieser Strategien sind zwar sinnvoll und hilfreich im Umfeld der Kindheit, später im Leben ändern sich allerdings die Umstände und die gelernten Verhaltensweisen werden manchmal nicht nur überflüssig, sondern sie können leider auch zu chronischen Schmerzen & Symptomen beitragen. Wer es genauer wissen möchte, dem empfehlen wir das Buch Der Mythos des Normalen von Gabor Maté. Maté zeigt wissenschaftlich fundiert auf, wie Erfahrungen in der Kindheit sowie epigenetische Faktoren das Hirn und Nervensystem beeinflussen und wie daraus eine Vielzahl an Symptomen resultieren kann.

Neuroplastische Schmerzen & Symptome weisen ein multifaktorielles Ursachenspektrum auf. Je nach Ausprägung, Entstehung und individueller Konstitution können leicht andere oder zusätzliche Vorgehensweisen wie PRT nützlich sein, wie emotionsfokussierte Therapieformen (z.B. Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) oder Emotional Awareness and Expression Therapy). Diese fokussieren noch stärker als PRT auf die Auflösung unbewusst emotionaler Faktoren, welche zur Entstehung von neuroplastischen Schmerzen & Symptomen beitragen können.

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Weshalb können einige Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen verstärkt dazu beitragen, chronische Schmerzen & Symptome aufrechterhalten und manchmal sogar die Ursache dafür sein? Welche sind das?

Es gibt typische Persönlichkeitsmerkmale & Verhaltensweisen, die dazu beitragen können, chronische Schmerzen & Symptome aufrechterhalten und manchmal sogar die Ursache dafür sind. Diese Tendenzen gelten als Risikofaktoren, weil sie zur Stresswahrnehmung des Hirns beitragen. Stress ist kein Ereignis oder ein Reiz, der in deinem Leben auftritt, sondern die Einschätzung deines Hirn, dass das, was geschieht, deine Ressourcen übersteigt.

Vielleicht bedeutet das, dass es deine zeitlichen Möglichkeiten, deine emotionale Kapazität oder sogar deine Bewältigungsfähigkeit übersteigt. Wenn das Hirn spürt, dass es unter Stress steht, kommt es zu physiologischen Veränderungen im Körper. Manchmal bedeutet das, dass wie aus dem Nichts Schmerzen entstehen. Manchmal bedeutet es, dass ein altbewährter neuronaler Pfad für Schmerz aktiviert wird, mit dem das Hirn bereits vertraut ist.

Von welchen Merkmalen und Verhaltensweisen spricht man in der Fachliteratur?

  • Perfektionismus: Bei allem, was du tust, orientierst du dich an einem unmöglichen Qualitätsstandard.

  • Geringes Selbstwertgefühl: Du hast nie das Gefühl, dass du von Natur aus genug bist.

  • People Pleasing: Der intensive (oft unbewusste) Wunsch, von allen gemocht zu werden, was oft dazu führt, dass du dich für andere zu sehr verausgabt und deine eigenen Bedürfnisse hinten anstellst.

  • Ständige Fürsorge: Du bringst dich ständig in Situationen, in denen du für das Wohlergehen anderer verantwortlich bist.

  • Starke innere kritische Stimme: Eine sehr laute und dominante innere Stimme, die ständig alles, was du tust, kritisiert oder niedermacht.

  • Ständiges Sorgen: Du antizipierst sämtliche Probleme und malst dir oft das schlimmst mögliche Szenario aus (“Katastrophieren”).

  • Emotionen unterdrücken: Die Tendenz, starke Gefühle und Emotionen zu unterdrücken oder zu verdrängen, z.b. aus Angst, sie könnten dich schwach oder unkontrolliert erscheinen lassen.

Keine dieser Persönlichkeitsmerkmale & Verhaltensweisen sind per se schlecht und du brauchst dich auch nicht für sie zu schämen. Diese Tendenzen geben uns wertvolle Hinweise, wo wir ansetzen können beim Verlernen von chronischen Schmerzen & Symptomen. Nichts ist in Stein gemeiselt. Das Hirn ist plastisch und damit sind auch Überzeugungen & Verhaltensweisen veränderbar.

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Wenn Schmerz ein Warnsignal ist, muss ich dann jedes Mal, wenn ich Schmerzen habe herausfinden, weshalb sie da sind und den Trigger auflösen?

Nein, so trivial und kausal sind die Zusammenhänge nicht und es ist auch nicht notwendig, immer bis ins letzte Detail die Ursache oder den Auslöser für eine bestimmte Situation zu kennen. Im Gegenteil: Sich ständig damit zu beschäftigen, weshalb man zum Beispiel heute mehr Schmerzen & Symptome hat als am Tag zuvor oder beim letzten Mal, als man die gleiche Aktivität ausgeübt hat, versetzt das Hirn in einen Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Dies kann wiederum dazu führen, dass die Symptome bestehen bleiben oder sich sogar verstärken1, 2, 15. Es ist ein Bestandteil von PRT, sich auf lange Sicht mit den Ursachen seiner neuroplastischen Schmerzen & Symptome zu befassen. In der Situation selbst ist es jedoch wichtiger, der Frage nach dem Grund für die Schmerzen & Symptome sanft und wohlwollend zu begegnen, ohne darauf zwingend eine unmittelbare Antwort finden zu müssen.

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Wenn neuroplastische Schmerzen im Hirn entstehen und wieder verlernt werden können, ist es dann auch meine Schuld, wenn ich das nicht hinkriege?

Das Thema “Schuld” ist ein brisantes und häufiges Thema und es ist wichtig, Klarheit zu schaffen.

Nur weil neuroplastische Schmerzen im Hirn entstehen und dank psychologischen Techniken wieder abtrainiert werden können, bedeutet dies nicht, dass sie eingebildet oder mit purer Willenskraft und Disziplin verschwinden. So funktioniert das Hirn nicht. Es handelt sich um reale, strukturelle Veränderungen in gewissen Hirnarealen. Dieses Verständnis und das Wissen, dass das Hirn auf emotionale Gefahren genau gleich wie auf physische reagiert, hilft zu verstehen, dass Gedanken wie „ich bin schuld, wenn ich es nicht wegbekomme“ oder „wenn es nicht klappt, habe ich mich zu wenig bemüht“ oder ganz allgemein „ich muss mich mehr anstrengen“ zwar absolut nachvollziehbar, aber überhaupt nicht hilfreich sind. Im Gegenteil, sie versetzen das Hirn in einen Zustand erhöhter Alarmbereitschaft, weil dieses dadurch emotionale Gefahr wahrnimmt1, 2, 15. Hier setzt PRT unter anderem an, klärt auf und gibt Hilfestellung dabei, diese Gedanken und Überzeugungen zu durchleuchten, hinterfragen und ihnen schliesslich die Kraft zu nehmen.

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Sind Medikamente erlaubt, während Pain Reprocessing Therapy angewendet wird?

Medikamente sind auf jeden Fall nicht verboten. Wenn die Medikamente in einer ersten Phase dabei helfen, sich auf die Genesung zu konzentrieren, weil es ein zu grosser Schritt ist, sie abzusetzen, dann sollten sie weiter eingenommen werden. Wichtig ist, dass die Medikamentenfrage keine zu grosse Sorge darstellt und man sich nicht gezwungen fühlt, die Medikamente abzusetzen. Um das geht es nicht bei PRT.

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Fragen zum individuellen Prozess

Sind MEINE Schmerzen & Symptome strukturell bedingt oder neuroplastisch?

Dies ist wohl die meistgestellte Frage von Menschen mit chronischen Schmerzen & Symptomen. Jede:r möchte wissen, ob es sich bei den eigenen Schmerzen & Symptomen um eine neuroplastische Sache handelt oder ob strukturelle oder organische Probleme der Grund dafür sind. Im Podcast ‘Muss das so wehtun’ in Folge 3 sprechen wir genau darüber - hör doch mal rein, wenn du magst.

In einem ersten Schritt ist es sehr wichtig, durch eine:n Ärzt:in strukturelle und organische Probleme sowie Erkrankungen auszuschliessen, welche eine akutmedizinische Behandlung erfordern. Ist das geschehen, kann anhand verschiedener Kriterien die Wahrscheinlichkeit von neuroplastischen Schmerzen & Symptomen ermittelt werden. Des Weiteren gibt es verschiedene Methoden, die dabei helfen, die eigene Überzeugung zu stärken, dass kein körperliches Problem besteht und man sich unbesorgt auf PRT einlassen kann. Dies ist ein wichtiger Schritt, um den Schmerz-Angst Kreislauf zu durchbrechen und dem Schmerz so den Antrieb zu nehmen.

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Wie kann ich zu 100% überzeugt sein, dass keine strukturellen oder organischen Probleme vorliegen, wenn diese von einem:einer Spezialist:in bereits ausgeschlossen wurden?

Viele Betroffene fragen sich zu Beginn, ob man zu 100% an die Wirksamkeit von PRT glauben und überzeugt sein muss, dass die eigenen Schmerzen & Symptome neuroplastisch sind, wenn man Erfolg haben möchte mit PRT.

In einem ersten Schritt reichen eine gewisse Neugier und die Aufgeschlossenheit dem “neuen” Mind Body Verständnis und insbesondere diesem Behandlungsansatz gegenüber. Dazu ist es hilfreich, die persönliche Situation zu analysieren, indem die Kriterien beigezogen werden, welche auf einen neuroplastischen Ursprung der Schmerzen & Symptome hindeuten.

Der beste Weg, neuroplastische Schmerzen & Symptome zu heilen besteht darin, sich davon zu überzeugen, dass sie nicht strukturell oder organisch bedingt sind. Das Paradoxe daran ist, dass der beste Weg, sich selbst davon zu überzeugen, darin besteht, den Schmerz und die Symptome zu heilen. Das ist ein Huhn-Ei Problem. Wenn Betroffene aber erst einmal erkannt haben, dass ihr Hirn massgeblich an ihren Schmerzen beteiligt ist, ist es einfacher zu akzeptieren, dass sie durch neuronale Pfade verursacht werden, tatsächlich neuroplastisch sind und damit auch wieder verlernt werden können.

Hör dir gerne Folge 3 des Podcasts ‘Muss das so wehtun?’ an - dort thematisieren wir diese Frage und geben Einblick in unsere persönlichen Erfahrungen damit.

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Sind Bandscheibenvorfälle und andere Auffälligkeiten der Grund für meine Rückenschmerzen? Und wie beeinflussen frühere Diagnosen das Fortbestehen von chronischen Schmerzen?

Eine Metastudie die 2015 im American Journal of Neuroradiology erschienen ist, belegt, dass MRI zwar zuverlässig Verletzungen erkennen können, nicht jedoch Schmerzen. Im Rahmen der Studie wurden MRI-Bilder von rund 3000 Personen ohne Rückenschmerzen wurden geprüft24: 37% der 20-Jährigen wiesen Bandscheibendegenerationen und 30% eine Bandscheibenvorwölbung auf. Diese Anomalien, die sich in medizinischen Scans zeigen, nehmen mit dem Alter zu: 96% der 80-Jährigen zeigten eine Bandscheibendegeneration und 84% hatten Vorwölbungen. Diese Veränderungen sollten gemäss dem gängigen Verständnis der Medizin eigentlich Schmerzen verursachen. Aber bei den untersuchten 3000 Menschen war dem nicht so. Heute geht man davon aus, dass Auffälligkeiten der Wirbelsäule ein natürlicher Alterungsprozess sind, ähnlich wie Falten im Gesicht und graue Haare.

Es wurden zudem zahlreiche Studien veröffentlicht, die belegen, dass Operationen bei Rückenschmerzen, Knie- oder Hüftschmerzen oft nicht zielführend sind25, 26. Chronische Rückenschmerzen werden derart oft erfolglos versucht durch Operationen zu beheben, dass sich dafür ein medizinischer Begriff etabliert hat: Failed-Back-Surgery-Syndrom27. Wenn das Beheben von strukturellen Problemen nicht dazu führt, den Schmerz zu lindern, dann sind die Schmerzen vermutlich nicht das Resultat dieser strukturellen Auffälligkeiten, sondern das Resultat von physiologischen Lernprozessen im Hirn, die auch wieder umgekehrt werden können.

Noch immer werden Betroffene von chronischen Schmerzen mit bildgebenden Verfahren untersucht und obwohl die Studienlage eindeutig ist, werden häufig “normale Abnormalitäten” (z.B. Auffälligkeiten der Wirbelsäule) fälschlicherweise als die Ursache der Schmerzen genannt. Eine solche Diagnose ist fatal für die Betroffenen, da der Glaube an eine strukturelle Verletzung und die damit verbundene Schonhaltung oder Inaktivität sowie die Ängste rund um den Schmerz der Heilung dieser in Wahrheit neuroplastischen Schmerzen direkt im Wege stehen. PRT unterstützt dabei, sich zu überzeugen, dass die Schmerzen neuroplastisch sind und wieder verlernt werden können.

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Weshalb fällt es mir so schwer, mich zu überzeugen, dass meine Schmerzen & Symptome neuroplastisch sind?

Die meisten Betroffenen sind zu Beginn davon überzeugt, dass ihre Schmerzen & Symptome nicht als neuroplastische Schmerzen & Symptome definiert werden können. Meist nennen sie als Grund dafür eine oder mehrere Diagnosen, die ihnen zuvor gestellt wurden und auch andere Argumente tauchen häufig auf. Diese Reaktionen sind aus folgenden Gründen gut nachvollziehbar:

Biologie: Evolutionsbedingt ist unser Hirn darauf programmiert, Schmerzen als strukturelle Verletzung zu interpretieren, um sie möglichst rasch entsprechend zu behandeln und zu heilen.

Frühere Diagnosen: Oft liegen Diagnosen vor, denen wir Glauben schenken, die jedoch in Realität keinen Zusammenhang mit den Schmerzen aufweisen24.

Konditionierung: Viele Menschen mit chronischen Schmerzen & Symptomen haben konditionierte Reaktionen auf Positionen (Sitzen, Stehen, …) & Aktivitäten (Gehen, Bücken, …) entwickelt. Solche Assoziationen verstärken die Überzeugung, dass es sich bei den Schmerzen um ein strukturelles Problem handelt. Mehr zu konditionierten Reaktionen gibt es im Podcast ‘Muss das so wehtun?’ in Folge 6 und Folge 7.

Stigma: Oft wird von der Aussage “Schmerz entsteht im Hirn” darauf geschlossen, dass neuroplastische Schmerzen eingebildet sind. Und wer will schon “schwach” dastehen und sich Schmerz eingebildet haben? Insbesondere wenn man in der Vergangenheit mit seinen Beschwerden nicht ernst genommen wurde.

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Ich habe weder Angst noch Stress, weshalb habe ich trotzdem neuroplastische Schmerzen & Symptome?

Der Begriff “Angst” dient im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen & Symptomen als Sammelbegriff. Er fasst all jene Gefühle zusammen, welche uns in einen Zustand erhöhter Alarmbereitschaft versetzen: Stress, Anspannung, Verzweiflung, Frustration, Unruhe, Sorge, Wut, …

Gerade der Begriff “Stress” kann rasch missverstanden werden und wird oft fälschlicherweise als eine “zu hohe Arbeitsbelastung” oder “zu viel zu tun” interpretiert. Bei Stress im eigentlichen Sinne handelt es sich jedoch um sämtliche Belastungen, seien diese physischer oder emotionaler Natur, die das Hirn in einen Zustand erhöhter Alarmbereitschaft versetzen. Auch Konflikte in einer Beziehung, eine bevorstehende Entscheidung oder das Gefühl, immer allen und allem gerecht werden zu müssen, können Stress erzeugen. Auch nicht oder nur teilweise verarbeitete Erfahrungen aus der Kindheit können belastend für uns sein.

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Kann Stress wirklich ein Grund sein für meine Schmerzen oder Symptome? Denn sie sind auch da, wenn ich nicht gestresst bin.

Der Begriff “Stress” kann rasch missverstanden werden und wird oft fälschlicherweise als eine “zu hohe Arbeitsbelastung” oder “zu viel zu tun” interpretiert. Bei Stress im eigentlichen Sinne handelt es sich jedoch um sämtliche Belastungen, seien diese physischer oder emotionaler Natur, die das Nervensystem in einen Zustand erhöhter Alarmbereitschaft versetzen. Auch Konflikte in einer Beziehung, eine bevorstehende Entscheidung oder das Gefühl, immer allen und allem gerecht werden zu müssen, können Stress erzeugen. Auch nicht oder nur teilweise verarbeitete Erfahrungen aus der Kindheit können belastend für uns sein.

Jede Situation oder Emotion, die die Gefahrenschaltkreise in unserem Hirn aktivieren kann, ist in der Lage, Schmerzen und andere Symptome zu erzeugen und aufrechtzuerhalten6. Menschen mit neuroplastischen Schmerzen & Symptomen weisen gehäuft die Persönlichkeitsmerkmale Perfektionismus, übermässige Gewissenhaftigkeit, People Pleasing und Ängstlichkeit auf 2, 6. Aufgrund dieser Persönlichkeitsmerkmale neigen Menschen dazu, sich selbst übermässig zu kritisieren, sich ständig Sorgen zu machen und sich selbst stark unter Druck zu setzen, was dazu führt, dass das Hirn in höchste Alarmbereitschaft versetzt wird und sich emotional in Gefahr wähnt15. Wenn sich das Hirn in emotionaler Gefahr wähnt, kann es körperliche Schmerzen & Symptome auslösen und aufrechterhalten2, 5.

Wer es genauer wissen möchte, dem empfehlen wir das Buch Der Mythos des Normalen von Gabor Maté. Maté zeigt wissenschaftlich fundiert auf, was mit Stress gemeint ist und wie dieser, zusammen mit Erfahrungen in der Kindheit sowie epigenetische Faktoren das Hirn und Nervensystem beeinflussen und wie daraus eine Vielzahl an Symptomen resultieren kann.

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Meditation ist eine wichtige Komponente von PRT, aber ich meditiere schon lange und es hat mir nicht wesentlich bei meinen chronischen Symptomen und Schmerzen geholfen. Weshalb nicht?

Meditation ist ein Sammelbegriff für teilweise sehr unterschiedliche Techniken. Seit einige Meditationstechniken aus ihren traditionellen spirituellen und religiösen Kontexten herausgelöst wurden, steigt auch das Interesse der Wissenschaft und es gibt zahlreiche Studien zu den Effekten von Meditation. Auch die Hirnforschung interessiert sich in den letzten Jahren verstärkt für die Auswirkungen des Meditierens. Diverse Forschungen zeigen deutlich, dass Meditation das Hirn und den Körper physisch verändern kann und dazu beitragen kann, Gesundheitsprobleme zu verbessern und gesundes Verhalten zu fördern. Eine 2015 veröffentlichte Studie untersuchte die Wirkung von Meditation auf chronische Schmerzpatient:innen und konnte zeigen, dass Meditation zu weniger allgemeinen Ängsten und Depressionen, einem besseren psychischen Wohlbefinden und dem Gefühl, die Schmerzen besser kontrollieren zu können, führte28.

Studien zeigen zudem, dass unsere Gedanken und unsere Überzeugungen einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, Hirnstrukturen und Körperfunktionen zu verändern. In einer Studie wurde die Hypothese untersucht, dass die Wahrnehmung des Zeitablaufs bei Menschen mit Typ-2-Diabetes einen stärkeren Einfluss auf den Blutzuckerspiegel haben kann als der tatsächliche Zeitablauf. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass die Manipulation der Zeitwahrnehmung der Teilnehmer dazu führte, dass sich der Blutzuckerspiegel in Abhängigkeit davon veränderte, wie viel Zeit die Teilnehmer glaubten, dass verstrichen sei, anstatt wie viel Zeit tatsächlich verstrichen war. Diese Ergebnisse sind ein wichtiges Beispiel für den Einfluss von psychologischen und mentalen Prozessen auf den Körper.29

PRT enthält Meditationen, weil diese andere Hirnregionen adressieren als beispielsweise Übungen aus der kognitiven Verhaltenstherapie. In der Summe wirken alle diese Übungen auf unser Hirn. Wenn wir darum wissen und uns die positive Wirkung von Meditation bewusst ist, hat dies einen stärkeren positiven Einfluss auf unsere Gesundheit, als wenn wir meditieren, ohne die bewusste Überzeugung des potenziellen Erfolgs zu kultivieren.

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Pain Reprocessing Therapy enthält Komponenten der kognitiven Verhaltenstherapie und ACT (Acceptance und Commitment Therapy), das habe ich bereits versucht. Weshalb hat es mir nicht geholfen?

Bisher hat man mit kognitiver Verhaltenstherapie und ACT versucht, den Umgang mit den Schmerzen & Symptomen zu verändern und sie “managen” zu lernen. Man ist davon ausgegangen, dass Schmerzen strukturell bedingt und damit gegeben sind und man lernen muss, damit zu leben. PRT hingegen hat zum Ziel, Schmerzen zu heilen - ein “Managen” ist dann nicht mehr notwendig. Eine der relevantesten Komponenten von PRT fehlt bei der klassischen kognitiven Verhaltenstherapie und ACT: Das Wissen und korrekte Verständnis von Schmerz. Neuroplastische Schmerzen & Symptome sind kein guter Gradmesser dafür, dass etwas mit dem Körper nicht in Ordnung ist. Ihnen liegen keine strukturellen oder organischen Ursachen zugrunde. Indem Betroffene verstehen, dass ihre Schmerzen & Symptome eine Fehlinterpretation des Hirns harmloser Signale aus dem Körper sind, wird damit begonnen den Schmerz-Angst Kreislauf zu durchbrechen, um dem Schmerz so den Antrieb zu nehmen. Gehen wir, wie bei den herkömmlichen Schmerztherapien üblich, davon aus, dass der Schmerz nicht gänzlich heilbar, sondern nur “gemanaged” werden kann, fehlt das entscheidende Wissen und damit das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten.

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Kann es sein, dass sich meine Symptome während Pain Reprocessing Therapy (PRT) verändern oder sogar schlimmer werden?

Ja, das ist eine gut dokumentierte Reaktion und kommt häufig vor. Wenn unser Hirn merkt, dass wir daran sind, Gewohnheiten zu verändern, kann es sein, dass sich die Schmerzen & Symptome verschlimmern oder sogar neue Symptome auftauchen. Man kann sich das so vorstellen, dass das Hirn in solchen Momenten der Veränderung eine noch grössere Bedrohung als zuvor wahrnimmt und deshalb eine Weile “ausflippt”, bevor es das Gefühl kultivieren kann, dass wir uns in Sicherheit befinden und gesund sind. Es kann sein, dass es einem eine Zeit lang gut geht, aber dann tauchen die Symptome mit aller Kraft wieder auf. Diese Situationen sind als “Extinction Bursts” bekannt und der Schlüssel liegt im Namen - die Symptome und Schmerzen sind am “Aussterben”. Diese Entwicklung kann als gutes Zeichen gewertet werden. Treten die Veränderungen und Verschlimmerungen am Anfang des Weges auf, ist dies ein guter Beweis dafür, dass es sich tatsächlich um neuroplastische Schmerzen & Symptome handelt und die Chance riesig ist, dass man sie mit PRT wieder abtrainieren kann.4

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Ist es üblich, Angstzustände und/oder Depressionen zu erleben, wenn sich die körperlichen Symptome zu bessern beginnen?

Ja, das kann Teil der Symptome sein, die zwangsläufig auftreten. Was für die eine Person Rückenschmerzen sind, sind für die andere Person Ängste. Beide Symptomarten entstehen im Hirn und überlappen sich in Form der Gefahrenschaltkreise6.

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Was ist mit Massage und Physiotherapie? Ich denke, meine verspannte Nackenmuskulatur ist verantwortlich für meine Kopfschmerzen. Kann PRT mir trotzdem helfen?

Ja, PRT kann helfen. Obwohl dies eine weit verbreitete Interpretation ist, sind verspannte Muskeln meist nicht die kausale Ursache für Schmerzen.

Verspannte Muskulatur kann genauso wie Schmerz ein neuroplastisches Symptom sein. Manchmal treten Verspannungen gleichzeitig mit Schmerzen auf, viele Menschen haben allerdings auch starke Verspannungen, welche nicht durch Schmerzen begleitet werden. Das Hirn entscheidet unter Berücksichtigung einer Vielzahl von Faktoren, ob Schmerz entsteht oder nicht.

Sollte ich also auf Massagen und andere manuelle Behandlungen verzichten? Nein, nicht unbedingt. Wenn es dir gut tut, spricht grundsätzlich nichts dagegen. Es zählt vor allem die Absicht hinter manuellen Therapien: Wenn Dinge aus Verzweiflung getan werden, um zu heilen (Angst), werden sie die Situation höchstwahrscheinlich auf lange Sicht verschlimmern oder zumindest nicht nachhaltig verbessern. Wenn man sich jedoch aus einem Gefühl des Wohlwollens und der Geborgenheit massieren lässt, um sich mit seinem Körper zu verbinden, dann wird das Nervensystem beruhigt. Es ist hilfreich, wenn man übt, manuelle Therapien wie Physiotherapie, Chiropraktik und Massage mit einem Gefühl der Selbstfürsorge in Anspruch zu nehmen, anstatt mit der Absicht hinzugehen, dass etwas am Körper “repariert” werden soll.

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Wie kann ich mich mehr bewegen, wenn mehr Aktivität zu einer Verschlimmerung der Schmerzen & Symptome führt?

Zuerst ist es wichtig, sich dem Unterschied zwischen Ursache und Auslöser für die Schmerzen & Symptome klar zu werden. Wenn der Schmerz oder die Symptome nicht Ausdruck eines strukturellen Problems sind und es sich stattdessen um neuroplastische Schmerzen & Symptome handelt, dann stellt die Aktivität nicht die Ursache für den Schmerz oder die Symptome dar, sondern nur der Auslöser. Es handelt sich um eine gelernte Reaktion des Hirns, welches die Aktivität (z.B. Joggen, Gehen oder Schwimmen) als gefährlich interpretiert. Der Schmerz oder die Symptome, die gefühlt werden, sind real. Aber sie entstehen nicht aufgrund einer Verletzung, sondern sind gelernt. Das bedeutet, physische Aktivität/Sport ist nicht gefährlich. Da die Schmerzen & Symptome nur indirekt damit zusammenhängen, können sie wieder abtrainiert und verlernt werden.

In einem ersten Schritt ist es wichtig, körperliche Schäden auszuschliessen. Es ist hilfreich, dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin die explizite Frage zu stellen, ob (eine bestimmte) körperliche Aktivität schadet. Liegt keine strukturelle Verletzung vor, wird die Antwort auf diese Frage “Nein” lauten.

Nun kann mit schrittweiser Exposition begonnen werden, sich an die physischen Aktivitäten heranzutasten. Ziel ist es, sich zu bewegen ohne Angst zu haben, dass man dem Körper damit schadet. Es geht darum, dem Hirn beizubringen, dass die Bewegung nicht gefährlich ist und es keinen Grund gibt, mit Schmerzen oder anderen Symptomen zu warnen. Das langsame Steigern der Aktivität erlaubt ein schrittweises Ausschalten des Gefahrensignals Schmerz.

Die Schritte können und sollen manchmal sehr klein sein. Es ist eine Gratwanderung, bei der es darum geht, die Grenzen der Komfortzone nach und nach zu erweitern. Dazu bleibt man in der Nähe ebendieser Grenze. Versucht man zu grosse Schritte zu erzwingen, kann das kontraproduktiv sein und zu erhöhter “Alarmbereitschaft” des Hirns führen. In Fällen, bei denen eine bestimmte Aktivität über einen langen Zeitraum vermieden wurde, können auch Visualisierungen die ersten Schritte sein, bevor die Aktivität physisch wieder aufgegriffen wird.

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Wie gehe ich mit Rückschlägen um und den Zweifeln, die damit einhergehen?

Als erstes ist es wichtig, zu verstehen und akzeptieren, dass Rückschläge Teil des Prozesses sind und dass sie bei allen vorkommen. Der Grund dafür liegt im Hirn: Auch wenn wir dabei sind, neue neuronale Pfade zu bilden, um Schmerzen & Symptome zu verlernen, heisst das nicht, dass die “alten” Pfade sofort verschwinden. Höhen und Tiefen sind zu erwarten und gelegentliche Rückfälle und das Aufflackern von Schmerzen & Symptomen sind ein üblicher Teil des Prozesses.

Oft reagieren Betroffene mit Angst, Enttäuschung oder Resignation, wenn es zu einer Phase erhöhter Schmerzen oder verstärkter Symptome kommt, nachdem es eine Zeit lang besser war. Dann ist es wichtig, sich die Fakten, die man über die Funktionsweise des Hirns und der Entstehung und Aufrechterhaltung des Schmerzes kennt, bewusst zu werden. Dies hilft, den Schmerz-Angst Kreislauf möglichst rasch wieder zu durchbrechen und den Schmerzen & Symptomen so den Antrieb zu nehmen.

Sobald diese Phase der Angst bei einem Rückfall überstanden ist, starten Betroffene meist unter viel Druck und Dringlichkeit jene Techniken und Übungen anzuwenden, die schon einmal funktioniert haben. Dies ist eine nachvollziehbare und verständliche Reaktion, leider ist ebendieser Druck aber kontraproduktiv und verhindert den erwünschten, schnellen Erfolg. Diese Reaktion sollte man sich allerdings nicht vorwerfen, vielmehr sollte man auch das als eine weitere temporäre Phase des Rückschlags betrachten, welche zu meistern langfristig zu mehr Resilienz verhilft. Es ist wichtig, dass man versucht, sich in Akzeptanz und Geduld zu üben und sich selbst wohlwollend und freundlich zu begegnen. Langfristig senkt man so die “Alarmstufe” des Hirns und schreitet auf dem Heilungsweg Stück für Stück voran.

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Weitere Fragen

Weshalb sind einige Personen von neuroplastischen Schmerzen & Symptomen betroffen und andere nicht?

Schmerz ist ein Alarmsignal. Er warnt uns vor Gefahren und schützt uns vor Schäden, indem er uns motiviert, unser Verhalten anzupassen. Dr. Howard Schubiner verwendet folgende Analogie: “Manche Feueralarmsysteme gehen bereits los, wenn etwas Rauch aus der Küche kommt. Andere schlagen erst Alarm, wenn die Küche schon in Flammen steht.” Das heisst, der Schwellwert, wann gewarnt wird, ist unterschiedlich und so kann sich auch das Warnsystem “Schmerz” von Mensch zu Mensch unterscheiden. Tatsächlich gibt es noch keine umfassende Forschung, welche die Frage beantworten könnte, weshalb das so ist. Eine Rolle spielt mit Sicherheit unsere frühe Kindheit und damit die Zeit, in der sich unser Nervensystem “programmiert”6. Werden wir in einem Umfeld gross, welches uns aus unterschiedlichsten Gründen lehrt, dass die Welt für uns kein sicherer Ort ist, hat dies eine Auswirkung darauf, wie sich das Nervensystem entwickelt, wie wachsam bzw. ängstlich wir später im Leben sind und wie wir auf Reize von aussen, Wahrnehmungen aus dem Körper, Gefühle und Situationen reagieren.

Ein Teil dieser Frage lässt sich aus unserer Sicht auch beantworten, indem man sich mit der Hochsensibilität und deren Auswirkungen auf den Menschen befasst. In unserem Blog gehen wir darauf ein.

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Wie weiss ich, dass es neuroplastische Schmerzen & Symptome wirklich gibt?

Dass die neueren Erkenntnisse aus der Schmerzforschung und die daraus resultierenden Behandlungsansätze noch nicht flächendeckend in der deutschsprachigen Praxis angekommen sind, bedeutet nicht, dass es sich dabei um ein Hirngespinst handelt. Bereits 1925 wurde das Mind Body Konzept von Medizinern umrissen und in den 60er Jahren hatte Dr. John E. Sarno dank einem umfassenden Mind Body Verständnis und daraus abgeleiteten Behandlungsmassnahmen eindrückliche Erfolge zu verzeichnen in der Behandlung seiner Schmerzpatient:innen. Damals fehlten Sarno die wissenschaftlichen Evidenzen, welche seine Erfolge erklären konnten. Heute, im 21. Jahrhundert erreichen wir jedoch ein neues Niveau wissenschaftlichen Verständnisses und therapeutischen Erfolges1 . Die heutige Studienlage ist eindeutig und nicht umsonst investieren führende Mediziner:innen und Forscher:innen und viele Psycholog:innen, Therapeut:innen und Berater:innen viel Zeit und Energie in die Aufklärung der breiten Bevölkerung und die erfolgreiche Behandlung tausender Betroffenen. Wir leben in einer sehr materialistisch geprägten Kultur und die medizinische Praxis trennt Körper und Psyche noch immer sehr stark. Bis sich dies ändert, kann es noch eine Weile dauern, was nicht bedeutet, dass man als Individuum nicht schon heute auf das Mind Body Verständnis setzen und seine chronischen Schmerzen & Symptome heilen kann.

In Folge 8 des Podcasts ‘Muss das so wehtun?’ sprechen wir mit Dr. Antje Kallweit aus Hamburg über ihre Erfahrungen als Schmerztherapeutin, die mit dem Mind Body Verständnis und daraus abgeleiteten Behandlungsmethoden, insbesondere Pain Reprocessing Therapy, arbeitet. Möglicherweise magst du dir diese Folge anhören, denn sie spricht unter anderem auch über dieses Thema, ermöglicht uns einen Perspektivenwechsel und kann dir vielleicht den einen oder anderen Aha-Gedanke verschaffen.

In verschiedenen Ländern wurden bereits Aufklärungskampagnen für die breite Öffentlichkeit lanciert:

In Deutschland sind Dr. Antje Kallweit und ihr Team mit einem Mind Body Verständnis unterwegs und entwickeln einen digitalen Therapiekurs für Menschen mit chronischen Schmerzen.

Im TMS Wiki sind nochmals sehr viele Studien zusammengetragen, welche die Existenz von neuroplastischen Schmerzen & Symptomen belegen.

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Wenn das alles wahr ist, weshalb weiss mein Arzt oder meine Psychotherapeutin nichts von neuroplastischen Schmerzen & Symptomen?

Seit Jahrzehnten folgt unsere Gesundheitsversorgung der Tradition des Dualismus. Das heisst, die Psyche und der Körper werden als getrennte und unterschiedliche Einheiten betrachtet und die Behandlung von Psyche und Körper ist in die Bereiche Psychiatrie und physische Medizin unterteilt. Die medizinische Lehre und Forschung ist oft immer noch von dieser Trennung geprägt.

Der Schwerpunkt der medizinischen Forschung liegt bis heute vor allem auf der Akutmedizin - mit ausserordentlichen medizinischen Durchbrüchen in den Bereichen Krebs, Infektionskrankheiten, Herzkreislauferkrankungen und mehr. Infolgedessen leben die Menschen heute länger und meist gesünder. Insbesondere bei chronischen Krankheiten zeigen sich aber die Schwächen dieser Fokussierung auf die Akutmedizin. Manche Krankheiten lassen sich nicht in die Kategorien “nur Körper” oder “nur Psyche” einordnen. Anhaltende Schmerzen & Symptome sind eines dieser Probleme.

Wenn Ärzt:innen oder Psychotherapeut:innen nichts über diese Art der Behandlung erzählen, dann ist das nicht, weil es nicht von Interesse oder nicht richtig ist. Es ist die Folge der Ausbildung unserer medizinischen Fachkräfte und des Dualismus. Manchmal setzt der Rahmen unseres Gesundheits- und Versicherungssystems den einzelnen Fachpersonen auch zu enge Grenzen, um neue Wege zu gehen. Erfreulicherweise gibt es aber immer mehr Ärzt:innen und medizinische Einrichtungen, die die Prinzipien der Mind Body Behandlung aufgreifen.

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Wie kann ich jemandem von neuroplastischen Schmerzen & Symptomen erzählen, der:die vielleicht auch betroffen ist?

Die meisten Menschen reagieren erst einmal sehr kritisch, wenn sie dem Mind Body Verständnis und insbesondere PRT begegnen. Dies ist unter anderem so, weil wir hier in der westlichen Welt Körper und Psyche sehr stark trennen. Noch immer sind psychische Erkrankungen stigmatisiert und werden weniger ernst genommen als somatische Probleme. Hört man zum ersten Mal, dass neuroplastische Schmerzen & Symptome gelernt und nicht Ausdruck von strukturellen oder organischen Problemen sind, setzt man diese Aussage intuitiv fälschlicherweise gleich mit der Aussage “du bildest dir die Schmerzen nur ein”. Die Erfahrung zeigt, dass es meist ein vorsichtiges Annähern bedingt und oft auch ein fehlendes oder falsches Schmerzverständnis Grund für anfängliche Unsicherheiten sind.

Steter Tropfen höhlt den Stein
Alle Menschen sind verschieden und nicht alle Menschen sind (bereits) offen dafür, das bisherige Verständnis von Schmerzen & Symptomen in Frage zu stellen, geschweige denn, ein neues Verständnis zu entwickeln. Das ist absolut verständlich (uns ging es lange Zeit auch so) und in keiner Hinsicht falsch oder als Defizit zu sehen. Wir freuen uns jeweils über jeden Samen, den wir sähen können, indem wir von Neurojackpot und dem Potenzial des neuen Schmerzverständnisses und daraus resultierenden Behandlungsmethoden respektive PRT sprechen.

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Wo werden weitere Fragen zum Mind Body Verständnis und PRT beantwortet?

In englischer Sprache gibt es im TMS Wiki einen Abschnitt mit häufig gestellten Fragen, welche von Expert:innen des Fachs beantwortet werden.

Im Podcast Tell Me About Your Pain führt Alan Gordon zusammen mit Alon Ziv durch den Prozess, indem er Fragen von Hörer:innen beantwortet und im Detail darauf eingeht.

Curable stellt auf Youtube ein Q&A mit Laura Saego und Dr. John Stracks zur Verfügung.

Neurojackpot veröffentlicht im Blog und auf Instagram regelmässig Beiträge zu häufigen Fragen und wichtigen Themen rund um neuroplastische Schmerzen & Symptome und PRT. Zudem sind wir Co-Host des Mind Body Podcasts ‘Muss das so wehtun?‘, in welchem wir die beeindruckende Wirkung, die ein neues Schmerz- und Symptomverständnis resp. ganzheitliches Mind Body Verständnis entfalten kann, erkunden und aufzeigen, wie es gelingen kann, vollständig von chronischen Schmerzen & Symptomen zu genesen, anstatt sie lediglich managen zu lernen.

Du hast ganz persönliche Fragen zu deiner Situation und deinem Prozess? Nimm Kontakt auf mit uns, wir unterstützen dich gerne.

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Literatur

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Effects of mindfulness meditation on chronic pain: a randomized controlled trial. Pain medicine (Malden, Mass.), 16(4), 641–652.29Park, C., Pagnini, F., Reece, A., Phillips, D., & Langer, E. (2016). Blood sugar level follows perceived time rather than actual time in people with type 2 diabetes. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 113(29), 8168–8170.
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